"Eigentlich bin ich ganz anders, nur komm´ ich so selten dazu." Ein sehr hintergründiges Wort von Johann Nestroy, dem österreichischen Dichter mit Hang zur ironischen Philosophie. Wir haben, sagt er, gleichsam eine bessere Hälfte. Nestroy sagt mit Wehmut und nur zu sich selber: Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte. Mit der besseren Hälfte ist das eigene, noch nicht verwirklichte Sein und nicht etwa die vertraute und über all die Jahre treu ergebene Gattin gemeint. Erinnert wird an das, was wir auch noch sind?
Wer oder was sind wir aber eigentlich? Und warum sind wir es nicht wirklich? Was hindert uns? - Vielleicht, das Bildung, echte Bildung, immer seltener wird. Was nämlich ist Bildung? Wie müsste unser Bild vom Menschen aussehen, damit unsere Bildekräfte ausreichend zum Zug kommen, damit wir eine menschenfreundliche Welt zu bilden und zu gestalten imstande sind?
Gehen wir einmal von jenem Bild aus, das der Mensch dem Menschen zeigt. Dann sehen wir zuerst: Der Mensch ist ein Lebewesen. Der Not gehorchend muss dieses Wesen um sein Leben sorgen, Lebens-Mittel im weitesten Sinn sicherstellen. Dem eigenen Drang und Trieb gehorchend sucht dieses Wesen wie jedes andere seinen Lebensraum zu erweitern und die Art zu erhalten, ja mehr noch: zur Herrschaft über die anderen zu gelangen. Das ist der Weg der Natur, die dazu neigt, sich selbst zu überbieten. Und gerade darin haben wir Menschen es nun sehr weit gebracht. In dieser Hinsicht sind wir die erfolgreichsten Tiere. Ein Organ diente uns seltsamen Wesen ganz besonders auf jenem Weg zur Herrschaft über alle Natur und damit auch übereinander: das Gehirn. Zur Herrschaft braucht es Wissen, muss man lernen, braucht man Ausbildung. Wissen ist Macht - in der Tat.
Aber Leistungs-, Herrschafts- und Arbeitswissen ist noch lange keine Bildung. Lebenserfolg, was immer das ist, noch kein Grund für die Freude, am Leben zu sein. Das Überhandnehmen der Ausbildung gar könnte das "Aus" der Bildung bedeuten, so wie das ungeheure Wissen das Gewissen übertönen will. Zum Beispiel der berühmte Erfinder Edison: wäre er nur dies, der Unterschied zu einem Schimpansen wäre enorm, aber doch nur graduell und nicht wesentlich. Der arbeitsame, leistungsstarke und alles beherrschende Mensch bleibt immer nur, ist er nur dies, ein Stück Natur. Wo aber fängt dann das Eigentliche, das Besondere und Wesentliche des Menschseins an, eben das, worin der Mensch zu sich kommt?
Wann ist der Mensch "eigentlich", d.h. im Eigenen, im Raum des schlechthin Menschlichen? Dort wohl, wo er das anscheinend Unnütze, das vorderhand Überflüssige tut - oder auch einmal gar nichts tut. Dort, wo wir singen, tanzen, spielen, feiern, plaudern, spazieren gehen, Zeit und Muße haben, uns einem Werk hingeben oder auch ganz bewusst dem, was uns die Sinne zuspielen: Dort sind wir bei uns, da können und dürfen wir uns verlieren und kommen gerade so, auf gesteigerte Weise, nämlich beglückt, bei uns, in unserer Mitte an.
Ein Mensch ist gebildet, der etwas kann, was nur Menschen können, nämlich in aller Freiheit Überflüssiges, Nutz-, wenngleich nicht Wertloses, tun. Man könnte sagen, Bildung selbst gehöre in den Bereich des Nutzlosen. Bildung, für die man sich nichts kaufen kann, von der man nichts hat - außer die Freude an ihr selbst. Bildung verhilft dem von Natur aus egozentrischen Wesen Mensch zur wahren Selbstvergessenheit. Größeres kann ihn nämlich interessieren: Wahrheit, Werte, Schönes. Bildungsarbeit heißt: Räume schaffen dafür, dass der Mensch nicht an die Erfordernisse des Überlebens und des materiellen Lebens verkauft werden braucht, dass er zurückkommen kann zu seinem Eigentlichen. Letzten Endes ist solche Bildung gebunden ans Philosophieren. "Die Philosophie", sagte Schopenhauer - wir könnten auch sagen: Bildung, "hat mir nichts eingebracht, mir aber so manches erspart." Man kann durch sie nichts kaufen. Man ist dann aber auch nicht so leicht käuflich. Diese Ersparnis ist ein anderer Reichtum als der monetäre, den man "geldwerten" Reichtum nennt. Menschlicher Reichtum ist Zugang zum Reichtum der Schöpfung.
Bildung ist so unbezahlbar wie der Mensch selber. Wie schlimm ist doch der Ausdruck "Humankapital". Auch das "Humankapital" mag Gegenstand von Fürsorge sein, und Menschen kann man "warten" und pflegen, nicht anders wie Maschinen. Man optimiert sie, bildet sie aus - aber bilden kann man nur den freien Menschen.
Statt Sie zu "warten", möchte ich Ihnen unsere Aufwartung machen, ich er-warte Sie, lade Sie persönlich zu Geistesgegenwart und Zeitgenossenschaft ein. Ich lade Sie auch zu Dingen ein, die nicht notwendig sind - weil mehr als notwendig. Verglichen mit dem, was mehr als notwendig ist, hat das Lebensnotwendige kaum Wert in sich. Wohl aber gibt es das Wertvolle, die Bildung als Prozess wie auch als Ergebnis. In diesem Sinne sind die Bildungsangebote des Logos-Institutes Einladungen, immer wieder, immer häufiger, die oder der zu sein, die oder der man eigentlich ist. Sie, liebe Leserin, Sie, lieber Leser, sind eingeladen in Räume und zu Zeiten mit (-) menschlicher Begegnung. Sie sind eingeladen, Menschsein zu er-leben. Sie wissen ja: soweit wir wahrhaft Menschen sind, brauchen wir einander mehr als das tägliche Brot.
Also: Lassen Sie von sich hören! Machen Sie mit!
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